Foto vom Circus Semsrott nach dem schweren Orkan

Als Ende der 1980er Jahre schwere Sturmböen über Güstrow fegten, erzählte Herbert Malmström, dass sein Vater auf Reisen sich vor Nichts so fürchtete wie vor einem aufkommenden Sturm – besonders bei aufgebautem Chapiteau. 1912 büßte Willi Malmström durch einen Sturm viel Zeltmaterial ein und reiste von da an nur noch mit einer Manege unter freiem Himmel – der Circus-Arena Willi Malmström.

Nachdem wirtschaftliche Nöte Mitte der 1920er Jahre die Malmströms mit ihrer Circus-Arena zur Aufgabe zwangen, versuchten sie gemeinsam mit dem Circus Semsrott in den Jahren 1927 bis 1929 die Krise zu meistern. „Ihre Tournee führt durch Mecklenburg, Brandenburg, Pommern, Schlesien. Zu den wirtschaftlichen Nöten kommen die Schrecken von Gewitterstürmen hinzu. Am 4. Juli 1928 fliegt in Gleiwitz während eines Sturmes das Chapiteau in die Luft. Nochmals kann ein neues Zelt besorgt werden, der eiskalte Winter 1928/29 zwingt zum vorzeitigen Abbruch der Saison.“ (R. Girbig)

Über das Ereignis in Gleiwitz berichtete sogar eine Güstrower Tageszeitung. Der Artikel endet mit dem Satz: „Wenn der Orkan einige Stunden später während der angekündigten Eröffnungsvorstellung gekommen wäre, dann hätte es ohne Zweifel ein entsetzliches Unglück gegeben.“

Genau ein Jahr später – Semsrott gastierte im oberschlesischen Bauerwitz (heute: Baborów) – zerstörte wieder ein Orkan in der Nacht vom 4. zum 5. Juli das neue Zelt und einen Großteil der Anlagen. Dieses Mal traf es den Circus Semsrott während einer gut besuchten Abendvorstellung. Ein orkanartiger Sturm legte in Sekunden das gesamte Zelt nieder, der Strom fiel aus, jeder versuchte ins Freie zu gelangen. Es war ein Wunder, dass es weder Tote noch Verletzte gab. In den Tagen darauf versuchten die Artisten noch unter freiem Himmel weiterzuarbeiten.

Im Jahr 1984 besuchte der Journalist Dr. Vincenz Braun das Haus Malmström, traf zusammen mit Brigitta, Torsten und Herbert Malmström und interviewte sie für eine Rundfunksendung. Auf die Frage, ob es in ihrem Zirkusleben eine außergewöhnliche, kuriose Situation gegeben hätte, erzählte Herbert über seine Erlebnisse während des Tornados in Bauerwitz: „Es geschah in einem Zirkus, der von einem Tornado während der Vorstellung völlig zerstört wurde – vollkommen mit Stallungen, Restaurationszelt und allem was dazu gehört. Wir sind da herumgeirrt und haben geholfen, wollten das Publikum retten, das zum Teil noch mit Leinwand überdeckt war. Als ich da plötzlich in Sturm und Blitz und Regen stand, hatte ich auf einmal im Dunkeln so einen warmen Tierkörper neben mir. Ich habe instinktiv in das Fell gegriffen, weil ich auch Angst hatte. Wir haben uns gegenseitig getröstet. Und wie der nächste Blitz kam, da sah ich, dass es ein Löwe war, einer von den gefährlichsten, den wir gerade in der Gruppe hatten. Der hatte wohl genau so viel Angst wie ich. Es war ja auch fürchterlich.“

Auf die Frage „Wie war der Löwe gerade zu Ihnen gekommen?“ antwortete Herbert Malmström „Er stand da wohl im Weg rum und da habe ich ihn nur festgehalten an seiner Mähne. Ich habe dann laut geschrien nach dem Tierwärter und auch nach dem Besitzer dieser Tiergruppe, der dann auch kam. Weil der Löwenwagen – dieser 120 Zentner schwere Wagen – vom Sturm umgefegt wurde, war die Gittertür aufgesprungen und die Tiere liefen in der Gegend umher. Sie ließen sich dann aber alle mühelos einfangen und in ihre Käfige verfrachten. Ich habe nur gedacht: Du bist nicht vom Blitz erschlagen und nicht vom Löwen gefressen worden.“ Ob Wahrheit oder Flunkerei – das kann heute keiner mehr nachprüfen!